Wie Sie einen Pflichtverteidiger finden

Im Strafverfahren ist der Pflichtverteidiger ein Sicherheitsnetz für den Beschuldigten bzw. Angeklagten. Wenn beispielsweise Untersuchungshaft angeordnet wird oder eine Haftstrafe droht, muss der Betroffene von einem Anwalt verteidigt werden. Es handelt sich um den Fall einer „notwendigen Verteidigung“, geregelt in § 140 der Strafprozessordnung (StPO).

Betroffene können sich einen Pflichtverteidiger aussuchen

Betroffene können dem Gericht einen Anwalt benennen, der als Pflichtverteidiger beigeordnet werden soll. Wenn nach einer Bedenkzeit keine Auswahl erfolgt, ist das Gericht am Zug und entscheidet selbst. Nach welchen Kriterien die Gerichte einen Pflichtverteidiger auswählen, ist jedoch unklar – eine Praxis, die Strafverteidiger schon lange als intransparent kritisieren.

Tipp:
Wählen Sie Ihren Pflichtverteidiger unbedingt selbst aus! Eine gute Verteidigung setzt voraus, dass Sie Ihrem Anwalt vertrauen und er für Ihre Interessen eintritt. Nutzen Sie daher Ihre Chance und beauftragen Sie einen Verteidiger, der zu Ihnen passt.

Die sorgsame Auswahl eines Pflichtverteidigers ist auch deshalb bedeutsam, weil er später nicht einfach gegen einen anderen ausgewechselt werden kann. Nur wenn besondere Umstände vorliegen, kann das Gericht ausnahmsweise einen anderen oder einen zusätzlichen Pflichtverteidiger bestellen.

Wie Sie einen Pflichtverteidiger finden

Wer nicht bereits einen Anwalt seines Vertrauens kennt, muss sich auf die Suche begeben. Ich werde häufiger gefragt, woran man einen guten Anwalt erkennt. Das lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten, zumeist werden Sie sich auf den äußeren Eindruck und Empfehlungen, in der Regel von Freunden und Familie, verlassen müssen. Weiterhelfen können Ihnen aber auch Anwaltsvereinigungen wie die VDJ oder der RAV, die jeweils online eine Anwaltssuche bereitstellen.

Über die Webseite eines Anwalts können Sie sich einen ersten Eindruck verschaffen. Fragen Sie sich:

  • Ist der Anwalt kompetent?
  • Dokumentiert er dies z.B. indem er sich fortbildet und publiziert oder doziert?
  • Hat er Erfahrung mit Ihrem Problem?
  • Wirkt er seriös und engagiert er sich für seine Mandanten?
  • Stellt er seine Arbeit und die entstehenden Kosten transparent dar?

Letztlich spielt es auch eine Rolle, ob die „Chemie“ stimmt. Sympathie ist immer ein Faktor, wenn auch kein wesentlicher. Wenn Sie sich unsicher sind und es Ihnen möglich ist, sprechen Sie einen Anwalt an und vereinbaren Sie gegebenenfalls einen Termin für eine Erstberatung, um ihn kennenzulernen. Sind Sie danach nicht überzeugt, können Sie immer noch einen anderen wählen.

Pflichtverteidiger sind keine Anwälte zweiter Klasse

Als ich einem Bekannten davon erzählte, dass ich für einen Termin als Pflichtverteidiger bestellt werden soll, sprach er mir Mut zu. „Da muss man durch“, sagte er mitfühlend und schaute mich an, als hätte ich ihm von einer schlimmen Durststrecke im Anwaltsleben erzählt. Als ob der Staat mich zu etwas zwingen würde, was ich nicht wollte. Er hatte offensichtlich keine Ahnung und ein völlig falsches Bild davon, was ein Pflichtverteidiger tut. Höchste Zeit also, mit ein paar Missverständnissen über die Pflichtverteidigung aufzuräumen.

Die Pflicht besteht, wie oben bereits angedeutet, in erster Linie darin, dass ein Verteidiger am Prozess mitwirken muss. Häufig hat der Beschuldigte oder Angeklagte bereits einen Anwalt als Wahlverteidiger ausgesucht und beauftragt. Das Gericht müsste nun eigentlich keinen Pflichtverteidiger bestellen, weil der Angeklagte ausreichend anwaltlich vertreten ist. Zumeist wird sich der Wahlverteidiger trotzdem als Pflichtverteidiger beiordnen lassen, vor allem wenn sein Mandant nur ein geringes Einkommen hat. Denn als Pflichtverteidiger kann er die Gebühren für seine Tätigkeit mit der Staatskasse abrechnen.

Übrigens:
Im Strafrecht gibt es, anders als in anderen gerichtlichen Verfahren, keine Prozesskostenhilfe. Der Betroffene muss seinen Verteidiger deshalb stets selbst bezahlen, wenn er nicht einen Pflichtverteidiger beigeordnet bekommt – selbst wenn er ein geringes Einkommen hat. Nur wenn die Kosten der Staatskasse auferlegt werden, fallen die Kosten der Staatskasse zur Last.
Es ist aber möglich, Beratungshilfe in Anspruch zu nehmen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Pflichtverteidiger sind keine Anwälte zweiter Klasse, sondern haben im Verfahren dieselben Rechte wie jeder andere Verteidiger.

Ein Pflichtverteidiger ist nicht kostenlos

Wird der Angeklagte verurteilt, muss er die Kosten des Verfahrens tragen. Dazu gehören auch die Gebühren für den Pflichtverteidiger, die Staatskasse holt sich also den von ihr vorgestreckten Betrag zurück. Anders ist es bei einem Freispruch oder (zum Teil) bei einer Einstellung des Verfahrens. In diesem Fall trägt die Kosten für die Pflichtverteidigung endgültig die Staatskasse.


Über den Autor

Jasper Prigge ist Rechtsanwalt in Düsseldorf. Er berät Privatpersonen sowie kleine und mittelständische Unternehmen in medien- und
verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten. Mehr zu den Tätigkeitsbereichen
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