Jura-Studierende, Folter und die Todesstrafe – Ein Debattenbeitrag

Ein Drittel der Jura-Studierenden befürworten die Todesstrafe, jeder Zweite die Anwendung von Folter. Dieses Ergebnis einer Untersuchung des Strafrechtsprofessors Franz Streng aus Erlangen erschreckt. Auch wenn sie nicht repräsentativ ist, dürfte an ihr etwas dran sein. Jedenfalls hat sie mich nicht wirklich überrascht, ähnliche Äußerungen von Kommilitonen sind mir während des Studiums immer wieder begegnet.

Die Zahl derer, die sich positiv auf Todesstrafe und Folter beziehen, ist in den letzten Jahren der Untersuchung zufolge gestiegen. Um zu erklären, warum viele Juristen so denken, stellt Streng drei Vermutungen an.

„So sei es etwa denkbar, dass in Folge des seit 1945 währenden Friedens und hohen Entwicklungsstandes die Bereitschaft, sich mit Schicksalsschlägen (in Form von Verbrechen) abzufinden, gesunken sei. Auch an eine Verunsicherung in Folge der insgesamt rasanten gesellschaftlichen Entwicklung und an die inzwischen zunehmend stärkere Betonung der Opferperspektive sei zu denken. Zentral dürfte aber vor allem die politisch-publizistische Instrumentalisierung von Verbrechen sein, die sich in einem Satz aus den Schlussbetrachtungen zusammenfassen lässt: „Kriminalität verkauft sich gut – für quotengesteuerte Medien und für durch Wählerstimmen motivierte Politiker.“

Eine Frage lassen diese Erklärungsansätze jedoch außer Acht: Juristen sind mit Todesstrafe und Folter eher einverstanden als die Gesamtbevölkerung. Schaut man sich repräsentative Studien zur Befürwortung der Todesstrafe an, ist festzustellen, dass auf die Gesamtbevölkerung gesehen deutlich weniger Menschen die Todesstrafe befürworten. Zwar ist auch hier die Zahl der Befürworter auf 25 Prozent gestiegen, dennoch liegt sie damit noch immer deutlich unter dem von Streng ermittelten ein Drittel. Was also macht Juristen in der Tendenz gnadenloser als ihre Mitmenschen?

Diese Frage wird wohl kaum zu beantworten sein. Sie sollte allerdings dazu zwingen, über Konsequenzen nachzudenken. Das Jura-Studium ist voll gepackt mit zu lernendem Fachwissen, Diskussionen über Themen wie Gerechtigkeit und Ethik haben im Studienplan keinen verbindlichen Platz. Wer will kann Jura studieren, ohne sich hiermit auseinanderzusetzen zu müssen.

So ist bezeichnend, dass etwa die schändliche Rolle der Justiz in der NS-Zeit nicht verpflichtend behandelt wird. Die Rechtswissenschaft hat sich um die Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte lange gedrückt und teilweise sogar behauptet, ein Bollwerk gegen den Nationalsozialismus gewesen zu sein. Dass das Gegenteil der Fall war, erfahren junge Juristen nicht. Wie die Gerichte in vorauseilendem Gehorsam erst die Jüdinnen und Juden vollkommen entrechteten und später gnadenlos Todesurteile fällten, braucht sie nicht zu interessieren.

Gelehrt wird an den Universitäten die Anwendung von Gesetzen, um die Studierenden auf das juristische Staatsexamen vorzubereiten. Ein solches auf rein handwerkliche Fähigkeiten ausgerichtetes Studium wird jedoch wohl kaum Juristen ausbilden, denen Begriffe wie Menschenwürde und Grundrechte tatsächlich etwas bedeuten.

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