Examen ohne Rep #3: Lernstrategie

Im dritten und letzten Teil der Serie zur Examensvorbereitung wollen wir den Lernprozess als solchen genauer beleuchten. Die große Menge an Stoff, den man im Examen im Kopf abgespreichert haben muss, stellt eine große Herausforderung für das Gedächtnis dar. Denn nicht jede Information bleibt im Kopf haften, nur weil sie später einmal wichtig wird oder werden kann.

1. Grundannahmen für die Erarbeitung einer Lernstrategie

Auf dem Büchermarkt gibt es eine große Auswahl von Werken, die sich mit Lernstrategien beschäftigen. Es lohnt sich, einmal durch ein Buch aus diesem Bereich zu blättern. Wahlweise gibt es auch viele Internetseiten, die ganz gut darstellen, warum wir uns einige Informationen besser merken können als andere und wie wir dieses Wissen nutzen können, um den Lernstoff für Schule, Studium und Beruf besser zu behalten. An dieser Stelle wollen wir diesen Schritt bewusst auslassen und stattdessen mit ein paar Grundannahmen arbeiten, auf denen wir unsere Lernstrategie für das Juraexamen aufbauen.

1.1. Erste Grundannahme: Verstehen ist besser als reproduzieren

Als Jurastudent habe ich häufiger mit dem Gerücht aufräumen müssen, dass Jura im Wesentlichen stupides Auswendiglernen bedeutet. Um es klar zu sagen: Wer nur auswendig lernt, macht etwas falsch. Nicht nur, weil Rechtsprobleme, Meinungssteitigkeiten und Ansätze für die Lösung von Rechtsfragen Gründe haben und es aus akademischer Sicht sinnvoll ist, diese Gründe nachzuvollziehen. Vielmehr führt das Durchdringen eines Problemkreises auch dazu, dass sich der Lösungsweg länger im Gedächtnis hält.

Das menschliche Gehirn ist kein Datenspeicher, der gerne eine einzelne Information aufnimmt, sondern es arbeitet mit Assoziationen. Erfahrungen, Wissen oder Emotionen, die unser Gehirn kennt, werden genutzt, um neue Sachverhalte zu bewerten und zu analysieren. Wenn daraus eine neue Erkenntnis folgt, dann nimmt das Gehirn diese in das Gedächtnis auf. Denn eine Erkenntnis kann als Grundlage für die Bewertung neuer Sachverhalte Verwendung finden. Die Zeit, in der man die Gründe für ein Problem oder einen Lösungsweg verdeutlicht, ist also gut angelegt: Die Kritikfähigkeit wird geschult und die Information bleibt länger im Kopf (man muss sie also nicht so oft wiederholen und spart damit an anderer Stelle Zeit).

1.2. Zweite Grundannahme: Wiederholung muss sein

Damit eine Information nicht dem großen See des Vergessens anheim fällt, muss sie im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Allein durch Systemverständnis wird dies nicht gelingen, es bedarf trotzdem einer regelmäßigen Wiederholung. Man könnte Jura an dieser Stelle mit Mathematik vergleichen: Auf der einen Seite braucht es Systemverständnis, um neue und unbekannte Aufgaben zu lösen. Auf der anderen müssen Rechenoperationen aber öfter als einmal geübt werden, bis sie irgendwann sitzen.

1.3. Dritte Grundannahme: Auch Fehler wiederholen sich

Der Mensch ist bekanntermaßen ein Gewohnheitstier. Das gilt auch für Fehler, die er macht. Fehler, die man einmal gemacht hat, macht man immer wieder. Beispielsweise habe ich im Studium immer wieder die c.i.c. übersehen. Fehler wiederholen sich. Je öfter aber Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden, auch als solche erkannt werden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Zukunft geschehen.

2. Ideen für eine Lernstrategie

Ausgehend von den oben getroffenen Grundannahmen habe ich für mich persönlich folgende Ideen für eine Lernstrategie entwickelt und in meine Lernpraxis eingebaut. Vielleicht können sie als Anregungen für die eigene Lernstrategie dienen.

2.1. Von der Norm aus lernen

Um eine Norm und ihren Anwendungsbereich bzw. ihre spezifischen Problematiken zu verstehen, muss die Norm selbst im Zentrum des Lernprozesses stehen. Es geht also gerade nicht darum, abstrakte Probleme oder Meinungsstreitigkeiten zu lernen, sondern konkret am Tatbestandsmerkmal. Das Skript, das man in der Erarbeitungs- und Vertiefungsphase schreibt muss dementsprechend normenzentriert aufgebaut sein. Es bietet sich an, nach Anspruchsgrundlagen zu arbeiten.

Bei der Erstellung des Skripts habe ich darauf geachtet, immer wieder den Normtext in das Skript einzubauen. Dies zwingt dazu, nicht abstrakte Voraussetzungen zu lernen, sondern sich mit dem Normtext auseinander zu setzen. Die Voraussetzungen einer Norm habe ich mir dann durch farbliche Kennzeichnung bewusst gemacht. Jedes Tatbestandsmerkmal bekam eine eigene Farbe und wurde später (in der gleichen Farbe markiert) näher erläutert. Tatbestandsmerkmale, die der Norm nicht direkt entnommen werden konnten, wurden in den Normtext in kursiv eingefügt.

Ein Beispiel für den Aufbau eines Skripts (allerdings ohne farbliche Hervorhebungen) findet ihr hier.

2.2. Fälle lösen

Von Anfang an Fälle zu lösen hilft enorm. Der Klausurenkurs (ohne Hilfsmittel) gehört von Beginn an mit in die Vorbereitung. Denn hier lernt man, wie es ist, von der Materie überfordert zu sein, man bekommt am Anfang schlechte Noten wieder, lernt aber mit der Enttäuschung umzugehen und wird schnell besser. Dazu gibt es eine Menge von guten Fallbüchern, dazu haben viele Lehrbücher Fälle integriert. Es lohnt sich wirklich, die Lösungen an die Seite zu tun und selber zu versuchen, Lösungswege zu finden, auch ohne Vorkenntnisse. Denn genau das wird im Examen verlangt, wenn abgedrehte Fälle gestellt werden (und das passiert öfter).

2.3. Wiederholungen sinnvoll staffeln

Die Wiederholungen des Stoffs wurden in den Wochenplan eingebaut. Jeden Morgen zu Beginn wurde Stoff wiederholt. Dabei wurde das, was gerade neu gelernt worden war, in kürzeren Abständen wiederholt als das, was ohnehin sicherer saß. Zur Wiederholung eignete sich das Überfliegen des Skripts.

2.4. Fehlerlisten führen

Damit Fehler, die gemacht wurden, nicht immer wieder passieren, kann man eine Fehlerliste führen, die man sich jeden Tag neu anschaut und verinnerlicht. Das ist zwar aufwändig, denn man muss geschriebene Klausuren auswerten (ich habe fast alle seit dem 3. Semester aufgehoben und für die Fehlerliste analysiert). Aber wie sollen Fehler vermieden werden, wenn man sie sich nicht bewusst macht.

2.5. Von anderen lernen

Wer alleine lernt, lernt verkehrt. Deshalb will ich von euch wissen, wie ihr lernt. Also, schreibt einen Kommentar mit Ideen und Tipps unter diesen Beitrag :-)

Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.

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Über den Autor

Jasper Prigge ist Rechtsanwalt in Düsseldorf. Er berät Privatpersonen sowie kleine und mittelständische Unternehmen in medien- und
verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten. Mehr zu den Tätigkeitsbereichen
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